Wie Gott mit Kindern mitwachsen kann

Anna-Katharina Szagun
Anna-Katharina Szagun. Foto: Borée

Anna-Katharina Szagun untersucht, wie die Rede von Gott für ein Leben tragen kann

Wie kann ich Gott anrufen - wenn der gar kein Handy hat? Oder ist "Gott ein Faultier", weil er so wenig auf Menschen aufpasst und den Krebs der Oma nicht heilt? 

Diese Kinderfragen stellen keine Provokation dar, so Anna-Katharina Szagun. Nein, die traditionelle bildliche Sprache von Gott "fällt uns auf die Füße". Sie wird "automatisch" schnell missverstanden, wenn sich kulturelle Vorannahmen verändern. Szagun dachte Ende 2017 im Rothenburger Wildbad darüber nach, "Wie neue Einsichten zur religiösen Entwicklung mitwachsende Gotteskonzepte unterstützen können". Im Rahmen der nun schon traditionellen Tagung "Weltanschauungsfragen im Dialog" stand diesmal das Thema "Säkularisierung - Konfessionslosigkeit - neuer Atheismus" im Mittelpunkt. Neben Vorträgen anderer Referenten zum "Neuen Atheismus" oder "Der Entwicklung der Konfessionslosigkeit in Deutschland" zeigte Szagun ihre Ideen auf. Die emeritierte Religionspädagogin aus Rostock führt seit 1999 entsprechende Langzeitstudien: Welche Gottesbilder entwickeln Kinder, wenn ihnen nicht mehr selbstverständlich religiöse Traditionen vermittelt werden?

Szagun hat dabei nicht nur Kinder und Heranwachsende aus dem Osten, sondern auch aus dem Westen Deutschlands begleitet. Insgesamt untersuchte sie mehrere Dutzend Kinder über einen Zeitraum von bis zu zwölf Jahren. Sie ließ Kinder und Heranwachsende Materialcollagen bauen zu der Frage, was Gott oder der tragende Grund ihres Lebens für sie bedeutet. Sich selbst können die Kinder als Knetfigur oder Puppe in eine für sie passende Distanz zu Gott einbauen.

Anna-Katharina Szagun zeigt bei ihren Untersuchungen, "dass Kinder ihre ersten Konzepte aus Versatzstücken konstruieren, die sie im näheren Umfeld aufschnappen und kreativ bearbeiten". "Die zunächst fragilen Konzepte erweitern, vernetzen und verfestigen sich bei kontinuierlichen Anregungsimpulsen."

Schon junge Kinder sind dabei zum aktiven Umgang mit Metaphern und Bildern fähig. Bereits in der Grundschule erkennen sie die übertragene Bedeutung von Bildern oder Wundergeschichten.

Selbst die Skulpturen junger Kinder enthielten viele "transzendenzbewusste Elemente": Mädchen bevorzugen teils liebevoll ausgestaltete Wohnungen als "Gehäuse Gottes". Jungen eher Fahrzeuge bis hin zu Raumschiffen - aber auch als "Panzer" wie ein Junge aus einem streng religiösen Elternhaus. Oder technische Geräte wie eine kosmische Energiequelle oder Trainingsgerät. Mädchen bevorzugen Naturmaterialien. Verletzte Kinderseelen drücken häufig ihre Sehnsucht nach Gott in dem Bild eines "Nestes" aus.

Für den einen Jungen ist Gott wie ein Würfel, der (aber nur durch Zufall) alles ermöglicht, für ein Mädchen wie der Frühling, der alles neu macht. Und für ein anderes Mädchen ist er eine kostbare und alte Statue, die aber am sicheren Ort in einer Vitrine (unnahbar) verwahrt wird. Er kann Ruheplatz oder eine Brücke über den Fluss der Verzweiflung sein.

Oder der neunjährige Claus formte sein Gottesbild als eine Insel, auf der ein Schiffbrüchiger neben einem Schrotthaufen landet. Die Teile könne er gebrauchen, um sein Boot zu reparieren. "Gott lässt dich nur da stranden, wo auch die Teile liegen, die du brauchst, um dein Boot wieder flott zu machen."

Die Bilder können sich auch in jedem Jahrgang ändern - je nachdem, welche Seite Gottes für die Kinder in ihrer augenblicklichen Lebenssituation am wichtigsten ist. Dabei ist selbst Grundschülern bewusst, dass sich Gott nie durch ein Bild allein ausdrücken lässt. Schon Kinder erleben neben Geborgenheit auch Schlimmes in ihrem Leben: Das Sterben von Oma oder Opa, aber auch eines Haustieres konfrontiert sie mit dem Tod. Bei instabilen Verhältnissen fühlen sie sich diesen ausgeliefert.

Welche Art von Glauben streben wir an? So fragt Szagun. Das Grundvertrauen zum Schöpfer und Begleiter unseres Lebens sei über traditionelle Lehrmethoden kaum vermittelbar. Es lasse sich aber durch Vorbilder prägen. "Ein nicht mit der Erfahrung kompatibles Gottesverständnis be- oder verhindert die Gottesbeziehung", so Anna-Katharina Szagun.  

Daraus folgt für die Religionspädagogin, dass auch Erwachsene authentisch mit der "kulturellen Tapete" religiöser Traditionen und auch der Bibeltexte in ihren Leben umgehen sollten. Was trägt im Leben der Erwachsenen selbst in Krisensituationen? Oder verlangen sie von den Kindern Ausdrucksformen des Glaubens, die sie schon längst selbst überwunden haben? Kinder ziehen da bereits lange vor der Pubertät aus ihren Beobachtungen Schlüsse.

Szagun hält die traditionellen "Stufentheorien zur religiösen Entwicklung" nach Fritz Oser/Paul Gmünder oder James W. Fowler von dem wörtlich verstandenen Glaube hin zu einem symbolischen Verständnis für ergänzungsbedürftig. Sie sieht die Glaubensentwicklung als "ineinander verschränkte Denkformen im Sinne eines gleitenden Übergangs". Erwachsene sollten keine Aussagen über Gott machen, die sie später zurücknehmen müssen - wohl aber solche, die sie ausdifferenzieren können.

Daher fordert die Religionspädagogin: "Die Gottesbeziehung ist das Wichtigste. Das Gottesverständnis sollte daher so begleitet werden, dass es die Gottesbeziehung nicht stört! Da Gott auch für Erwachsene lebenslang ein doppelgesichtiges Geheimnis bleibt, sollte auch bei Kindern Gott von Anfang an als 'Geheimnis' eingebracht werden, das hinter Welt und Leben steht." "Habe ich das Doppelgesicht des Mysteriums in mein Gottesbild integriert?", fragt Szagun.

Am nachhaltigsten wirken "vielfältige und mitwachsende Gottesbilder", erklärt Anna-Katharina Szagun weiter. "Authentizität ist das oberste Gebot! Der zweite Schritt ist, die von Kindern mitgebrachten Vorstellungen wahrzunehmen, sie als Vertrauenserweis auch wertzuschätzen, aber - sofern sie in Sackgassen des Denkens und Empfindens führen - nicht durch meine Autorität zu verstärken."

Daraus folge ein dritter Schritt: "Nämlich die Selbstverständlichkeiten kirchlichen Redens mit oder über Gott (Lieder, Gebete, Liturgie) kritisch auf ihre 'Tauglichkeit' zu prüfen und gegebenenfalls zu ersetzen. Bezüglich der Bibel sollte von Beginn an klargestellt werden, dass es sich um Geschichten handelt, nicht um Tatsachenberichte." Die biblische Gottesrede sollten Erwachsene als Deutungsgeschehen menschlicher Erfahrung einbringen.

Und "Jesus als Sprachrohr Gottes lebendig machen": Zu Jesu Gottesbotschaft hätte es schließlich nicht gehört, dass quasi auf Knopfdruck alles Leid aufhöre. Nein, er predigte: In der Nachfolge trage einer des anderen Last, so dass sie niemanden überfordern muss.

                     Susanne Borée


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