Editorial: Jahresrückblick - jetzt schon?

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Ich staunte nicht schlecht, als der Radiomoderator sagte, dass nun die Zeit reif sei für die Jahresrückblicke. Jetzt schon? An Silvester wäre alles schon Schnee von gestern und längstens zu spät.

An Jahreseindrücken jedenfalls hat es in diesem Jahr nicht gemangelt, dachte ich bei mir. Ich dachte darüber nach, was mich dieses Jahr geprägt, gefreut, beeindruckt oder auch einfach sauer gemacht hat. Auch wenn ich es persönlich ein wenig verfrüht finde.

Was mich dieses Jahr tatsächlich beeindruckt hatte, war die Hingabe, mit der viele Kirchengemeinden dem Lutherjahr gedachten. Die einen machten leckeren Apfelsaft oder Bier dem Reformator zu Ehren. Andere mieteten ein Schiff und fuhren über den Main unter dem Motto "Reformation im Fluss". Auch die Lutherin, Katharina von Bora kam nicht zu kurz. Sie kam in viele Gemeinden zu Besuch. Dazu kamen liebevoll gestaltete Gottesdienste, Begegnungen sowie Führungen.
Nun mögen viele Menschen darüber unken, dass das Reformationsjubiläum nicht der durchschlagende Erfolg war. Viele Gelder seien verschwendet worden.

Möglich, dass das in Einzelfällen stimmen mag. Aber dennoch denke ich, dass Luther in die Köpfe der Menschen eingedrungen ist. Denn der Gedanke nach einer Reformation ist immer noch - und immer wieder - in den Menschen präsent. In vielen Bereichen unseres Lebens brauchen wir Menschen, die vordenken. Die andere Wege gehen wollen. Die ausprobieren und beharrlich sind. Die sich nicht beirren lassen.

Ein solcher Mensch war Martin Luther. Auch wenn er an vielen Stellen unseres heutigen Wissens irrte. Aber die Reformation und der Mensch Martin Luther kann auch eine Inspiration sein.

Auf meiner Arbeit als Krankenschwester bringe ich ihn immer mal wieder ins Gespräch. Impfe ich Patienten, erzähle ich ihnen, dass sie im Jahr des Reformationsjubiläums gepickt wurden - zur besseren Erinnerung, sollten sie mal wieder geimpft werden müssen. Aus diesen Erklärungen sind die ein oder anderen guten Gespräche entstanden. Denn die Menschen haben Interesse an inspirierenden Geschichten. Man muss sie ihnen nahebringen - ob auf dem Main, mit Saft oder Bier - oder eben beim Impfen -  meint ihre

                                Inge Wollschläger