Editorial: Schatz oder Heimsuchung?

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Ich habe eine Schwäche für Gedichte. Eine Schwäche, der ich meistenteils alleine fröne. Das Gedicht an sich verspricht bei den Meisten höchste Müh und Plag' beim Auswendiglernen - mehr aber auch nicht.

"Es ist ein Schatz, den mir keiner nehmen kann!", zitierte vor vielen Jahren mein Vater eine Frau, die er am Krankenbett besucht hatte. Er war damals Gemeindepfarrer. Gemeinsam hatten sie Gedichte und Gesangbuchverse zitiert. Es hatte mich beeindruckt, wie er davon erzählte. Zu dieser Zeit empfand ich Gedichte lernen - überhaupt Auswendiglernen - noch als Heimsuchung. Ich versuchte mir damals die Bücher des Alten Testamentes sowie die zwölf Stammväter Israels einzuprägen. Es war sehr mühselig. Von "Freude" war dabei weit und breit keine Spur.

Heute sagen meine Kinder: "Ich lern doch so was nicht auswendig. Ich hab doch Google. Da geh ich ins Netz und ein paar Sekunden später hab ich das gewünschte Gedicht. Wenn du willst, kann ich es dir dann vorlesen!"

Natürlich ist es etwas anderes: Etwas, was ich in Kopf und Herz erarbeitet habe, vorzutragen - oder es schnell mal aus dem Internet herauszulesen. Das weiß ich heute, etliche Jahre später. Die Zeit verändert vieles.

Ich bin Krankenschwester und als mir ein junger Arzt im Krankenhaus sagte: "Gib mir noch....", vollendete ich den Satz fast schon automatisch mit: "...zwei südlichere Tage?" Wahrscheinlich haben Sie auch anhand von diesen drei Wörtern erkannt, dass so eine Strophe von Rilkes Herbstgedicht beginnt. Der Arzt verstand nur Bahnhof. Immerhin - den Namen Rilke hatte er schon mal gehört. Der Patient allerdings, der das Gespräch mitbekommen hatte, kicherte. Gemeinsam rezitierten wir das Gedicht und waren miteinander verbunden.

Die Worte der Gedichte, die ich liebe, gehen mir direkt ins Herz. Tief hinein vergraben sie sich und beginnen zu schwingen und zu arbeiten. Und dann kommt ein Stichwort und sie kommen an die Oberfläche wie die Goldfische im Teich meiner Schwägerin.

Eines meiner Kinder lernt jetzt Liedertexte seiner Popstars auswendig. Kein Rilke, Goethe oder Fontane. Aber freiwillig und mit Hingabe. Vielleicht will auch er Schätze sammeln, die ihm keiner nehmen kann.

                                Inge Wollschläger

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