''Ein Geschenk, sich doch geborgen zu fühlen''

Altarbild
Vor diesem Bild an der Chorschranke in Nôtre Dame kamen die Bayreuther Regionalbischöfin Dorothea Greiner und ihr Mann zu sitzen, als sie mit den anderen Besuchern in der Kirche warten mussten. Bewusst nahmen sie kein Bild oben vom Turm auf, das etwa den am Boden liegenden Angreifer zeigen könnte. Das Altarbild wurde für sie zum Ruhepol während des Wartens. Foto: Borée

Regionalbischöfin Greiner erlebte den Pariser Angriff vor Nôtre Dame direkt mit

Sie war nur etwa 50 Meter entfernt, als die Pariser Polizei den Angriff des algerischen Attentäters vor der Kathedrale Nôtre Dame in Paris vereitelte. Die Bayreuther Regionalbischöfin Dorothea Greiner wollte am 6. Juni nachmittags gegen 16.30 Uhr zusammen mit ihrem Ehemann Gottfried den Kirchturm von Nôtre Dame besteigen. Sie standen direkt an der anderen Seite des Gebäudes. So konnten sie die Ereignisse, die zu dieser Zeit geschahen, selbst nicht sehen, hörten aber die zwei Schüsse.

Der mit einem Hammer bewaffnete 40-jährige Algerier war am Dienstag nach Pfingsten hinterrücks auf einen Polizisten vor Nôtre Dame losgegangen. Er verletzte einen Beamten am Nacken. Einer seiner Kollegen schoss den Angreifer, der auch Küchenmesser bei sich trug, nieder. Der Algerier rief bei der Tat: "Das ist für Syrien!" Bei einer späteren Hausdurchsuchung bei dem Angreifer fand die Polizei eine Loyalitätserklärung gegenüber der Terrormiliz IS und auf seinem Computer zahlreiche islamistische Inhalte.

Nach den Schüssen geleitete man Dorothea Greiner nun zusammen mit ihrem Mann und anderen Besuchern auf den Turm hinauf. "Oben angekommen ging es nicht vor und zurück." So beschrieb die Regionalbischöfin die Situation gegenüber dem Rothenburger Evangelischen Sonntagsblatt. Dorothea Greiner und ihr Mann waren nach Paris zu einem Dekanekonvent gefahren. Zwei Drittel der Teilnehmer waren schon einen Tag davor in die französische Hauptstadt gereist, um sie zuvor privat zu besichtigen. So wollten die Greiners an diesem Nachmittag den Turm von Nôtre Dame besteigen.

Sie steckten nun in dem Turm fest. Von oben konnten sie zusammen mit den anderen Besuchern den Attentäter am Boden liegen sehen. Polizisten liefen über den Platz. Sie suchten offenbar nach weiteren Helfern. Der Attentäter war gesichert, doch ansonsten kümmerte sich offenbar niemand weiter um ihn. So erlebten es die Beobachter vom Turm.

Den Greiners und den weiteren Turmbesteigern war schon durch die Schüsse dort oben klar, dass es sich um einen Angriff oder um ein Attentat handeln musste. "Über die Handys versuchten wir an weitere Informationen zu kommen." Allmählich setzte sich für sie die Situation zusammen. "Doch wir haben keine Sekunde überhaupt Angst verspürt", so Dorothea Greiner. "Es war ein Geschenk, sich geborgen in Gott zu fühlen."

Sie sahen sich um: Wie ging es den anderen Menschen um sie herum? Einige der Umstehenden weinten, viele waren ruhig. Andere versuchten, den Attentäter von oben zu fotografieren. Die Greiners machten aber bewusst keine Bilder.
Neben Dorothea Greiner stand eine etwa 18-jährige Amerikanerin. "Ich wollte ihr die Ruhe weitergeben", so die Regionalbischöfin. "Don't be afraid", redete sie dem Mädchen zu. Später wurde ihr bewusst, dass dies "ja genau die Botschaft des Auferstandenen" gewesen sei.

Nach etwa einer Stunde geleitete man die Turmbesucher ins Kirchenschiff herunter, das "voll besetzt" war. Nach Medienberichten sollen dort rund 900 bis tausend Besucher gewartet haben. Dort hieß es wieder warten. Die Greiners konnten sich auf den Boden setzen - direkt vor einem alten Relief von Christi Geburt. Erst dieses Motiv (oben Mitte) fotografierte die Regionalbischöfin.

In der Kirche sei "eine gute Atmosphäre gewesen", erklärte Dorothea Greiner im Gespräch mit dem Evangelischen Sonntagsblatt. Alle seien ruhig geblieben. Erst allmählich konnten die Besucher die Kathedrale wieder verlassen. Sie wurden aber einzeln von der Polizei durchsucht, auch die Greiners.

Rund um die Kathedrale Nôtre Dame waren die Metro-Stationen geschlossen. So mussten die Greiners lange laufen, um wieder eine geöffnete U-Bahn-Station zu erreichen. Sie bemerkten aber die Gelassenheit, mit der die Pariser auf diesen Angriff reagierten.

Der Dekanekonvent konnte ebenfalls wie geplant stattfinden. Auch die aktuellen Ereignisse veranlassten die Bayreuther Kirchenvertreter nicht, das Programm umzustellen. So reagierten sie ebenfalls gelassen.

"Der Terror ist leider schon lange in Europa", so Dorothea Greiner. Wir müssen lernen, damit zu leben und uns nicht davon bestimmen zu lassen. Wir können um das Geschenk bitten, gelassen zu sein und uns nicht von irrationalen Ängsten bestimmen zu lassen." Schließlich sei es weitaus wahrscheinlicher im Auto bei einem Unfall ums Leben zu kommen.

Dies bedeutet aber für die Regionalbischöfin kein Fatalismus. Gleichzeitig ist es ihr wichtig, "dem Terror den Boden zu entziehen". Dies etwa "durch eine gute Entwicklungspolitik zur Erhaltung des Friedens auch in unserem Land". Natürlich gäbe es da "keine Patentrezepte", aber "eine Bewältigung mit Gottes Hilfe" sei durchaus möglich.

                Susanne Borée