Editorial: Reifen oder Kampf?

Susanne Borée
Susanne Borée

Es sieht wie eine Umarmung aus - und es ist doch ein Ringen. Marc Chagalls Jakobsfenster vereint beide Aspekte.

Ich lasse meine Gedanken schweifen: Ringen ist ja nicht nur  Kampf, sondern auch Wachstum. Bäume etwa erweitern sich in Jahresringen. Da ist dann der Weg nicht weit zu Rainer Maria Rilkes "Buch vom mönchischen Leben": "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, / die sich über die Dinge ziehn. / Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn."

Und weiter "Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, / und ich kreise jahrtausendelang; / und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm / oder ein großer Gesang." Auch diese Bilder schillern zwischen den Formen: Hängt meine Gotteserkenntnis von meiner Selbstwahrnehmung ab? Jahrhunderte lang kreisten Mystikerinnen und Theologen um die Beziehung zu Gott.

Aus menschlichen Verbindungen ist auch nicht unbekannt, dass es wohl keine Sicherheiten darin geben kann: Was lange wie ein guter gemeinsamer Weg erschien, führt mit einem Mal in den Sumpf oder auf Klippen, erstarrt im Eis oder verweht im Treibsand. Über die Jahrhunderte hinweg kann auch eine Beziehung zu Gott erstarren. Neuaufbrüche sind immer wieder nötig - wie uns schon Luther zeigt.  

Mechthild von Magdeburg und Gertrud von Helfta wollten schon zwei Jahrhunderte zuvor Erstarrtes in der Beziehung zu Gott erweichen. So heißt Mechthilds Werk dann auch "Das fließende Licht der Gottheit": Die Strahlen seiner Liebe sollen neu in Herzen einströmen, sie erleuchten und entzünden. Im Zisterzienserinnenkloster Helfta bei Eisleben, wo später Martin Luther das Licht der Welt erblickte, gerannen diese Gedanken in Worte.

Beide drangen durch innere Krisen zu einer neuen Ruhe in Gott durch. "Es war ein Geschenk, sich geborgen in Gott zu fühlen." Dies hat auch Regionalbischöfin Dorothea Greiner erfahren. Bei dem Hammer-Angriff an der Pariser Kathedrale Nôtre Dame am Dienstag nach Pfingsten war sie direkt vor Ort. Und konnte auch die Gewissheit, in Gott bewahrt zu sein, an andere weitergeben.

Dann verliert ein Ringen die Anstrengung. Es strebt zur Reife statt zum Sieg. Wir wachsen über uns hinaus - gestützt durch eine Umarmung.

Susanne Borée